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Fegefeuer
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Fegefeuer, selten Fegfeuer (lateinisch Ignis purgatorius oder Purgatorium, âReinigungsortâ, âLĂ€uterungsortâ), bezeichnet die LĂ€uterung, die nach einer in der Westkirche entwickelten theologischen Lehre eine Seele nach dem Tod erfĂ€hrt, sofern sie nicht als heilig unmittelbar in den Himmel aufgenommen wird. Dieser Zwischenzustand wird gleichnisweise als Ort der LĂ€uterung, gewissermaĂen als IntermediĂ€rzone, oder als zeitlicher Prozess vorgestellt. Nachdem die Kirchen der Reformation die Lehre vom Fegefeuer verworfen haben, wird sie heute fast nur noch von der römisch-katholischen Kirche vertreten; fĂŒr die Ostkirchen hingegen hat sie nie gröĂere Bedeutung gehabt. Innerhalb der Dogmatik gehört das Thema Fegefeuer zur Eschatologie, welche die vier letzten Dinge behandelt: Tod, JĂŒngstes Gericht bzw. Apokalypse, Himmel und Hölle. Eng mit der Lehre vom Purgatorium verbunden ist jene vom Partikulargericht ĂŒber die Seele des Einzelnen unmittelbar nach dem Tode.
Contents
âą Dogmengeschichte
âą Orthodoxe Lehre
âą Siehe auch
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Biblische Grundlegung
Die Lehre vom Fegefeuer wird traditionell mit zwei Bibelstellen begrĂŒndet: 2 Makk 12,43â45 und 1 Kor 3,13â15 . Das Konzil zu Trient verzichtete allerdings darauf, 1 Kor 3,13â15 als Schriftbeweis heranzuziehen, obwohl dieses vielfach gewĂŒnscht wurde.cite-ref-1[1]
Unter katholischen und evangelischen Neutestamentlern besteht schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts weitgehender Konsens darĂŒber, dass Paulus von Tarsus kein LĂ€uterungsgericht kannte und dieses deshalb in 1 Kor 3,13â15 auch nicht meinte (Joachim Gnilka).cite-ref-2[2] Hans-Josef Klauck kommentiert: âDem Feuer entrissenâ sei bei Paulus eine sprichwörtliche Redewendung und heiĂe so viel wie âknapp davongekommenâ. âSeit Origenes, der seinerseits auf die stoische Weltbrandlehre zurĂŒckgreift, hat man diesen Abschnitt zur BegrĂŒndung der Lehre vom Fegfeuer herangezogen. Der Intention, die Paulus damit verbindet, und dem Vorstellungsmaterial unterschiedlicher Herkunft, das er hier einsetzt, liegt diese ausgearbeitete Konzeption noch fern.âcite-ref-3[3] Ingo Broer fasst den biblischen Befund so zusammen: Die Fegefeuerlehre sei âeine v[on] den KirchenvĂ€tern ins Christentum eingefĂŒhrte Vorstellung, die versch[iedene] Anschauungen u[nd] Belege der Bibel zusammensieht u[nd] auf Ă€hnl[iche] Gedanken in der paganen Lit[eratur], z. B. bei Platon u[nd] Vergil, zurĂŒckgreifen kannâ.cite-ref-4[4]
Dogmengeschichte
Die Vorstellung vom Feuer als Reinigungssymbol war bereits im Altertum verbreitet. Die frĂŒhe Kirche dachte jedoch zunĂ€chst an ein refrigerium interim, so bei Tertullian (um 150â220), an einen Ort, an dem sich die Gerechten nach ihrem Tod erfrischen können, solange sie auf die Seligkeit nach dem JĂŒngsten Gericht warten. FĂŒr Tertullian ist das refrigerium gleichbedeutend mit Abrahams SchoĂ. Die Seelen, die im refrigerium schlafen, erleiden keine Qualen und bleiben dort bis zu ihrer Auferstehung.
Im 6. Jahrhundert integrierte Papst Gregor der GroĂe die Vorstellung von einem Fegefeuer in die christliche Heilsökonomie, wodurch sie bis zur Reformation im lateinischen Westen der Christenheit kultur- und sozialgeschichtlich prĂ€gend wirkte:
âMan muss glauben, dass es vor dem Gericht fĂŒr gewisse leichte SĂŒnden noch ein Reinigungsfeuer gibt, weil die ewige Wahrheit sagt, dass, wenn jemand wider den Heiligen Geist lĂ€stert, ihm weder in dieser noch in der zukĂŒnftigen Welt vergeben wird (Mt 12,32 ). Aus diesem Ausspruch geht hervor, dass einige SĂŒnden in dieser, andere in jener Welt nachgelassen werden können.âcite-ref-5[5]
Petrus: âKann es nun etwas geben, was den Seelen der Verstorbenen zu helfen vermag?â
Gregorius: âWenn die SĂŒnden nach dem Tode nicht untilgbar sind, so pflegt die Darbringung des heiligen Opfers den Seelen auch noch nach dem Tode viel zu nĂŒtzen, so zwar, dass die Seelen der Verstorbenen es selbst manchmal erbitten.âcite-ref-6[6]
Im 12. Jahrhundert wurde der Begriff Purgatorium ĂŒblich und dem System der Limbus untergeordnet.cite-ref-7[7] Wahrscheinlich hat der Schwarze Tod und die aus ihm resultierenden Massenbestattungen ohne kirchliche BegrĂ€bnisfeier den Eifer verstĂ€rkt, durch Gebete dem Fegefeuer schneller zu entweichen.cite-ref-8[8] Historische Belege deuten darauf hin, dass die Idee des Fegefeuers in Nordeuropa viel stĂ€rkere Verbreitung fand als im Mittelmeerraum. So finden sich vor allem in Norddeutschland zwischen 1450 und dem Beginn der lutherischen Reformation groĂzĂŒgige Erlasse fĂŒr Messstipendien, mit denen die Zeit der Verstorbenen im Fegefeuer verkĂŒrzt werden sollte. Regionale Studien lassen darauf schlieĂen, dass diese Form der Frömmigkeit erst mit katholischen Geistlichen im Zuge der Gegenreformation nach Spanien und Italien gelangte.cite-ref-9[9]
Im Jahr 1476 wurde das kirchliche Ablasswesen auf Initiative von Raimund Peraudi hin durch eine pĂ€pstliche Bulle auf die Seelen im Fegefeuer erweitertcite-ref-dmc175-10-0[10] und erfuhr dadurch eine gesteigerte PopularitĂ€t. Durch Gebete und gute Werke glaubte man, damit verknĂŒpfte AblĂ€sse auch Verstorbenen im Fegefeuer zuwenden zu können. Als besonders nĂŒtzlich wurde zum Beispiel die Stiftung eines Bades fĂŒr Arme angesehen (Seelbad). Dass diese guten Werke zunehmend durch Geldspenden an die Kirche abgeleistet wurden, fĂŒhrte vor dem Hintergrund aggressiver Werbung fĂŒr dieses Modell zur bekannten reformatorischen Ablasskritik.
Römisch-katholische Lehre
Da nach der Lehre der katholischen Kirche ânichts Unreines in den Himmel kommen kannâ, ist die Vorstellung eines Ortes oder eines Prozesses der LĂ€uterung entstanden, der Fegefeuer genannt wird. Im Fegefeuer besteht die Qual darin, dass der Verstorbene zwar schon die vollkommene Gegenwart und Liebe Gottes spĂŒrt, sich aber aufgrund seiner SĂŒnden dieser Liebe nicht wĂŒrdig fĂŒhlt. Genau das macht den groĂen Schmerz aus. Der Mensch wird so von seinen letzten SĂŒndenfolgen aus der zeitlichen Existenz durch seine Reue gelĂ€utert.
Das Fegefeuer erfĂ€hrt, wer in der Gnade Gottes stirbt, aber noch nicht vollkommen gelĂ€utert ist, um die Heiligkeit zu erlangen, die notwendig ist, in die Freude des Himmels eingehen zu können. Das Purgatorium ist somit völlig verschieden von der Bestrafung der Verdammten in der Hölle.cite-ref-11[11] Die sogenannten Armen Seelen sind im Fegefeuer also nicht endgĂŒltig festgehalten, sondern sie haben immer die Gewissheit, daraus entlassen zu werden, und zwar stets in Richtung Himmel. Gebete der Lebenden, besonders im Rahmen des Memorialwesens, sollen helfen, diese Zeit zu verkĂŒrzen.
Das Fegefeuer ist der Ort, an dem diejenigen, die im Stand der heiligmachenden Gnade sterben, noch zeitliche SĂŒndenstrafen abbĂŒĂen sollen. Diejenigen, die nicht im Stand der Gnade sterben, gehen gemÀà der 1336 in der Bulle Benedictus Deus entfalteten Lehre fĂŒr immer dem Himmel verloren; sie kommen in die Hölle.
Die Lehre von einer LĂ€uterung der Seelen nach ihrem Tode und die Möglichkeit des Gebetes fĂŒr die Verstorbenen sieht die katholische Kirche in der Heiligen Schrift angedeutet und vor allem durch die durchgĂ€ngige Gebetspraxis der alten Kirche gerechtfertigt.cite-ref-erwachsenenkatechismus-s-424-12-0[12]
Der Kirchenvater Augustinus deutete 1 Kor 3,13â15 dahin, dass nach dem Tode noch die Seelen einiger GlĂ€ubiger durch Feuer gelĂ€utert, also das Irdische aus ihnen ausgebrannt werde. Im 12. Jahrhundert war die Vorstellung eines Fegefeuers endgĂŒltig in der Volksfrömmigkeit verankert, und erst dann war auch die Bezeichnung Fegefeuer gebrĂ€uchlich. Der Ausdruck Purgatorium ist erstmals beim Erzbischof von Tours Hildebert von Lavardin (â 1133) nachweisbar.cite-ref-13[13] Seit dem 13. Jahrhundert ist das Gedankenmodell unter Theologen und in den Gemeinden allgemein bekannt, theologisch völlig ausgebildet findet sich die Lehre bei Thomas von Aquin und wurde durch Dantes Göttliche Komödie in der europĂ€ischen Literatur- und Kunstgeschichte verankert.
Eine KlĂ€rung der Lehre vom Purgatorium brachte die Konstitution Benedictus Deus (1336) (DH 1000 ff.).cite-ref-m-ller-s-548-14-0[14] Darin heiĂt es:
âDie Seelen der Verstorbenen, die in der Rechtfertigungsgnade verschieden sind, werden unmittelbar und sofort der himmlischen Seligkeit teilhaftig, wĂ€hrend die Seelen derer, an denen noch kleinere MĂ€ngel haften, nach einem LĂ€uterungs- und Reinigungsgeschehen ebenfalls der vollen Schau Gottes teilhaftig werden.âcite-ref-m-ller-s-548-14-1[14]
Die Lehre vom Fegefeuer betont die Notwendigkeit der LĂ€uterung nach dem Tode, allerdings vermeiden viele Theologen mittlerweile MutmaĂungen ĂŒber zeitliche und rĂ€umliche Dimensionen dieses Geschehens. Bereits das Konzil von Trient hatte vor allzu drastischen Darstellungen gewarnt, die nur davon ablenken, dass die Lehre vom Purgatorium die Sorge vor der Verdammnis zu mildern bezweckt. Man hĂ€lt daran fest, dass die Lebenden den Verstorbenen durch Gebet, Mitfeier der Heiligen Messe und Taten der NĂ€chstenliebe zu Hilfe kommen können.
In der neueren Theologie wird der Gedanke des Fegefeuers als eines Ortes mit âzeitlichen Strafenâ im Sinne eines Zeitablaufs oft abgelehnt. Stattdessen sprechen die Theologen von einem Reinigungsgeschehen. Das Reinigungsgeschehen ist ein âAspekt der Gottesbegegnungâcite-ref-15[15] und ist somit ein Bild der Hoffnung des GlĂ€ubigen auf eine LĂ€uterung und Reinigung durch Gott.
Romano Guardini formuliert Mitte des 20. Jahrhunderts:
âWie ist es aber mit dem Menschen, der zwar guten Willens war, dessen Wille aber nicht â oder noch nicht genug â das Sein ergriffen hat? Dessen gute Gesinnung nur um einiges unter die OberflĂ€che hinabgedrungen ist, wĂ€hrend darunter die Auflehnung saĂ, und die Tiefen von Bösem und Unreinem voll waren? Dessen Leben ĂŒberall die LĂŒcken des Unvollbrachten um die Zerstörung des falsch Getanen in sich trug? [âŠ] Wenn ein solcher Mensch ins Licht Gottes tritt, sieht er sich mit dessen Augen. Er liebt Gottes Heiligkeit und haĂt sich selbst, weil er ihr widerspricht. [âŠ] Er durchlebt sich als den, der er vor Gott ist, und das muĂ ein unausdenkbarer Schmerz sein. [âŠ] Er steht auf Seiten der Wahrheit gegen sich selber. Er ist bereit, seinem eigenen Leben, all dem VersĂ€umten, Halben, Wirren darin standzuhalten. In einem geheimnisvollen Leiden stellt das Herz sich der Reue zur VerfĂŒgung und ĂŒberliefert sich so der heiligen Macht des Schöpfergeistes. Daraus wird das VersĂ€umte neu geschenkt. Das Falsche wird in Ordnung gerĂŒckt. Das Böse umgelebt und ins Gute herĂŒbergebracht. Nicht Ă€uĂerlich verbessernd, sondern so, daĂ alles durch das in der Reue wirkende Geheimnis der umschaffenden Gnade hindurchgeht und neu ersteht.âcite-ref-16[16]
Nicht zu verwechseln mit dem Fegefeuer ist der Limbus. Dieser war allerdings nie Teil der dogmatisierten kirchlichen Lehre.
FĂŒr den deutschen Sprachraum hĂ€lt man die etablierte Rede vom Fegefeuer fĂŒr âeine recht unglĂŒckliche Ăbersetzung des amtlichen Wortes âpurgatoriumâ, âLĂ€uterungsortâ bzw. âLĂ€uterungszustandââcite-ref-erwachsenenkatechismus-s-424-12-1[12] und betont die bloĂ bildliche Ausdrucksweise: âDas Feuer lĂ€Ăt sich verstehen als die lĂ€uternde, reinigende und heiligende Kraft der Heiligkeit und Barmherzigkeit Gottes.âcite-ref-erwachsenenkatechismus-s-424-12-2[12]
Der von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1992 approbierte Katechismus der Katholischen Kirche behandelt das Fegefeuer im Artikel 12 âIch glaube das ewige Lebenâ unter III âDie abschlieĂende LĂ€uterung â das Purgatoriumâ.cite-ref-17[17]
Der Weltkatechismus bringt das oben genannte Zitat von Gregor dem GroĂen zur Verdeutlichung: âMan muss glauben, dass es vor dem Gericht fĂŒr gewisse leichte SĂŒnden noch ein Reinigungsfeuer gibt, weil die ewige Wahrheit sagt, dass, wenn jemand wider den Heiligen Geist lĂ€stert, ihm weder in dieser noch in der zukĂŒnftigen Welt vergeben wird (Mt 12,32 ). Aus diesem Ausspruch geht hervor, dass einige SĂŒnden in dieser, andere in jener Welt nachgelassen werden können.â
Das Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche (KKKK Nr. 210)cite-ref-kkkk-18-0[18] beschreibt das Purgatorium (Fegefeuer) so:
âDas Purgatorium ist der Zustand jener, die in der Freundschaft Gottes sterben, ihres ewigen Heils sicher sind, aber noch der LĂ€uterung bedĂŒrfen, um in die himmlische Seligkeit eintreten zu können.â
Der Kardinal Joseph Ratzinger schrieb unter anderem:
âEs [das Fegefeuer] ist nicht eine Art von jenseitigem Konzentrationslager (wie bei Tertullian), in dem der Mensch Strafen verbĂŒĂen muss, die ihm in einer mehr oder weniger positivistischen Weise zudiktiert sind. Es ist vielmehr der von innen her notwendige Prozess der Umwandlung des Menschen, in dem er christus-fĂ€hig, gott-fĂ€hig und so fĂ€hig zur Einheit mit der ganzen Communio sanctorum wird.âcite-ref-19[19]
Diesen Gedanken griff er auch nach seiner Wahl zum Papst in einer im Rahmen einer Generalaudienz gehaltenen Katechese ĂŒber Katharina von Genua auf. Bei Katharina werde âdas Fegefeuer nicht als Element der unterirdischen Welt dargestelltâ. Es sei âkein Ă€uĂeres, sondern ein inneres Feuerâ:
âUnd auch wir spĂŒren, wie fern wir davon sind, wie sehr wir von so vielen Dingen erfĂŒllt sind, daĂ wir Gott nicht sehen können. Die Seele weiĂ um die unendliche Liebe und die vollkommene Gerechtigkeit Gottes, und daher leidet sie darunter, nicht richtig und vollkommen auf diese Liebe geantwortet zu haben. Und die Liebe zu Gott wird selbst zur Flamme, die Liebe selbst lĂ€utert die Seele von den Schlacken der SĂŒnde.cite-ref-20[20]â
Im Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche (KKKK Nr. 211)cite-ref-kkkk-18-1[18] heiĂt es dazu:
âWie können wir den Seelen im Purgatorium helfen? Kraft der Gemeinschaft der Heiligen können die GlĂ€ubigen, die noch auf Erden pilgern, den Seelen im Purgatorium helfen, indem sie FĂŒrbitten und besonders das eucharistische Opfer, aber auch Almosen, AblĂ€sse und BuĂwerke fĂŒr sie darbringen.â
Oder nach Joseph Ratzinger:
âStellvertretende Liebe ist eine zentrale christliche Gegebenheit, und die Fegfeuerlehre sagt aus, dass es fĂŒr diese Liebe die Todesgrenze nicht gibt. Die Möglichkeiten des Helfens und Schenkens erlöschen fĂŒr den Christen mit dem Tod nicht, sondern umgreifen die ganze Communio sanctorum diesseits und jenseits der Todesschwelle.âcite-ref-21[21]
Johann Tetzel, Ablassverkauf und Tetzelkasten
Johann Tetzel (um 1460/65â1519) war ein deutscher Dominikaner und Ablassprediger. Seine Ablasspredigten waren der Anlass fĂŒr Martin Luther, seine 95 Thesen gegen den Ablassverkauf zu veröffentlichen, und letztlich der Anlass fĂŒr die Reformation. Der Tetzelkasten war der Kasten zum Sammeln der Erlöse aus dem Ablassverkauf. Um die Menschen zum Kauf zu bewegen, lieĂ Tetzel einen Teufel auf den Kasten malen, der die armen Seelen im Fegefeuer quĂ€lt. DarĂŒber stand geschrieben: âWenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt.â
Orthodoxe Lehre
In den Ostkirchen sind diese Gedanken der westlichen Theologie weitgehend unbekannt geblieben. Die orthodoxe Ablehnung der westlichen Fegefeuerlehre war einer der GrĂŒnde fĂŒr das letztliche Scheitern der versuchten Wiedervereinigungen der Kirchen auf dem Zweiten Konzil von Lyon 1274 und dem Konzil von Florenz (Ferrara-Florenz) 1438/39. Die Orthodoxie kennt das Gebet fĂŒr die Seelen der Verstorbenen, aber keine offizielle ErklĂ€rung fĂŒr seine Wirksamkeit. In der Volksfrömmigkeit einiger orthodoxer LĂ€nder ist die Lehre von den âZollhĂ€usernâ, die die Seele auf dem Weg in den Himmel zu passieren hat, und dem âZollâ, den sie dort zahlt, im Ansatz mit dem Fegefeuer vergleichbar; allerdings ist diese Lehre nie dogmatisiert worden.
Evangelische Lehre
Martin Luther erkannte in seinen FrĂŒhschriften die Existenz des jenseitigencite-ref-22[22] Fegefeuers an, distanzierte sich jedoch 1530 im Zusammenhang mit der Verlesung der Confessio Augustana von dieser Lehre: âEin Widerruf vom Fegfeuer.âcite-ref-23[23] Die Kritik geht in zwei Richtungen: Es gebe keine biblische BegrĂŒndung, und die Fegfeuerlehre fĂŒhre zu schweren MissbrĂ€uchen in der kirchlichen Praxis (Ablass). Sowohl Luther als auch Philipp Melanchthon blieben aber weiterhin an den Purgatoriums-Texten aus der Alten Kirche orientiert und versuchten, mit den KirchenvĂ€tern und gegen neuere theologische Entwicklungen zu argumentieren.cite-ref-24[24] In den Schmalkaldischen Artikeln (1537) setzte sich Luther noch einmal mit dem Thema Fegefeuer auseinander: âDarum ist das Fegefeuer mit all seinem GeprĂ€nge, Gottesdienst und Gewerbe fĂŒr lauter Teufelsgespinst zu achten. Denn es geht (âŠ) gegen den Hauptartikel, wonach allein Christus und nicht Menschenwerk den Seelen helfen soll.â Luther argumentiert von der Rechtfertigungslehre her; die AnnĂ€herungen im ökumenischen GesprĂ€ch zwischen der römisch-katholischen Kirche und den Reformationskirchen beim Thema Rechtfertigung können daher auch auf das alte Kontroversthema Fegefeuer Auswirkungen haben: âIhre kirchentrennende Funktion verliert die Lehre vom Fegfeuer, wenn sie ganz unter das Vorzeichen der gratis erfolgenden Rechtfertigung im Endgericht tritt (die der Glaube allein um Christi willen und nur im Vertrauen auf ihn erlangt), um von dort aus in die Stellung eingerĂŒckt zu werden, welche die Rechtfertigungstheologie dem Gericht nach den Werken zuweist.âcite-ref-25[25]
Anglikanische Lehre
Der Anglikanismus lehnt die Vorstellung eines Fegefeuers als dem Wort Gottes widersprechend ab. Festgelegt wurde dies bereits in Artikel 22 der NeununddreiĂig Artikel.
Fegefeuer in der Kunst
Im Mittelalter wurde das Fegefeuer oft bildlich als eine von Feuer und Glut erfĂŒllte Höhle dargestellt, darin der Hölle Ă€hnlich. Dennoch lassen sich die Darstellungen klar unterscheiden: Die im Fegefeuer bĂŒĂenden Seelen erheben ihre HĂ€nde und Gesichter flehend Richtung Himmel. Die Seelen in der Hölle haben keine Hoffnung auf Erlösung und wenden sich daher nicht mehr nach oben. In gröĂeren Bildkompositionen ist das Fegefeuer meist auf der linken Bildseite, also zur Rechten Gottes, zu finden.
Die berĂŒhmteste literarische Darstellung des Fegefeuers ist der zweite Teil der Göttlichen Komödie von Dante. Das LĂ€uterungsmotiv wird auch etwa in der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens literarisch umgesetzt.
In Filmen wird das Motiv sowohl in Komödien (Und tĂ€glich grĂŒĂt das Murmeltier, Wer frĂŒher stirbt ist lĂ€nger tot) als auch in Thrillern (Jacobâs Ladder â In der Gewalt des Jenseits) aufgegriffen.
In der Musik trĂ€gt der dritte Satz der unvollendeten 10. Sinfonie von Gustav Mahler die Ăberschrift Purgatorio.
Ăhnliche Vorstellungen in anderen Religionen
In den indischen Religionen Hinduismus, Buddhismus, Jainismus und Sikhismus existiert die Vorstellung eines Daseins in einer der LĂ€uterung dienenden Unterwelt namens Naraka, als Teil des Kreislaufes der Reinkarnation. Ăhnliche Gedanken gibt es auch in der platonischen Seelenlehre.
Im Tengrismus besteht der Glaube an die Unterwelt Tamag, in welcher die Ungerechten bestraft wĂŒrden, bevor sie in das dritte Stockwerk des Himmels gebracht wĂŒrden.cite-ref-karakurt-26-0[26]
Im Zoroastrismus findet sich der Glaube an ein Endgericht, bei dem alle Menschen einen Fluss aus geschmolzenem Blei durchqueren mĂŒssen, welches den Gerechten wie warme Milch vorkommen werde, wĂ€hrend die Ungerechten darin (im hammistagancite-ref-27[27]) gereinigt wĂŒrden, bevor die Zeit des Sieges des Guten ĂŒber das Böse anbreche.cite-ref-zh-28-0[28]
Innerhalb des Islams existieren unterschiedliche Ansichten hinsichtlich der Frage, ob der Aufenthalt in Dschahannam ewig oder vorĂŒbergehend sei.
Siehe auch
Texte des kirchlichen Lehramtes
âą Schreiben Papst Pius XI.' vom 21. Oktober 1923 Prope adsunt Dies. In: Heilslehre der Kirche. Dokumente von Pius IX. bis Pius XII. Deutsche Ausgabe des französischen Originals von P[aul] Cattin O.P. und H[umbert]-Th[omas] Conus O.P. besorgt von Anton Rohrbasser. Paulusverlag, Freiburg/Schw. 1953, S. 527â529.
âą Pius XI.: Prope adsunt Dies. In: Acta Apostolicae Sedis XV, p. 541â542. [Schreiben an Kardinal Pompilj zur Anordnung von Gebeten fĂŒr alle Verstorbenen]
Literatur
âą Ernst Koch: Fegfeuer. In: Theologische RealenzyklopĂ€die 11 (1983), S. 69â78.
âą Jacques Le Goff: Die Geburt des Fegefeuers. Klett-Cotta, Stuttgart 1984, ISBN 3-608-93008-6.
âą B. Deneke: Fegfeuer. In: Lexikon des Mittelalters IV (1989), Sp. 328â331.
âą Schweizerisches Landesmuseum ZĂŒrich: Himmel â Hölle â Fegefeuer. Ausstellungskatalog, ZĂŒrich 1994, ISBN 3-85823-492-3.
âą Artikel Fegfeuer. In: LThKÂł III (1995), Sp. 1204â1210.
âą Sabine Pemsel-Maier: Himmel â Hölle â Fegefeuer (= Glauben erfahren mit Hand, Kopf und Herz, Band 8), Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2001, ISBN 3-460-11113-5.
⹠Susanne Wegmann: Auf dem Weg zum Himmel. Das Fegefeuer in der deutschen Kunst des Mittelalters, Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2003, ISBN 3-412-11102-3 (Dissertation UniversitÀt Regensburg 2000, 363, [80] 448 Seiten mit 150 Abbildungen, davon 16 in Farbe).
âą Stefanie KrĂ€mer: Das Motiv des Fegefeuers bei Samuel Beckett (= Hallenser Studien zur Anglistik und Amerikanistik, Band 21). Lit, MĂŒnster 2004, ISBN 978-3-8258-7747-7 (Dissertation UniversitĂ€t Paderborn 2003, 204 Seiten).
âą Ludwig Ott: GrundriĂ der katholischen Dogmatik, 11. Auflage mit LiteraturnachtrĂ€gen. nova & vetera, Bonn 2005, ISBN 3-936741-25-5; dort in FĂŒnftes HauptstĂŒck: Die Lehre von Gott dem Vollender (Die Lehre von den Letzten Dingen oder von der Vollendung (Eschatologie)).
âą Helmut Vordermayer: Die Lehre vom Purgatorium und die Vollendung des Menschen. Ein moraltheologischer Beitrag zu einem umstrittenen LehrstĂŒck aus der Eschatologie (= Salzburger theologische Studien, Band 27), Tyrolia, Innsbruck 2006, ISBN 978-3-7022-2755-5 (Dissertation UniversitĂ€t Salzburg 2005, 301 Seiten, unter dem Titel: Die Lehre vom Purgatorium als Proprium in der Vollendung des Menschen).
âą Gunther Wenz: Evangelische Gedanken zum Fegfeuer. In: MĂŒnchener Theologische Zeitschrift 67 (2016), S. 2â34.
âą Hölle und Fegefeuer, Themenheft Theologisch-Praktische Quartalsschrift 2/2019, darin bes.: Michael N. Ebertz: Der Kampf um Hölle und Fegefeuer; Magnus Striet: Zwischen Hölle und ewiger Melancholie; Markus MĂŒhling: Hölle und Fegefeuer im protestantischen VerstĂ€ndnis.
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: Purgatory
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikiquote: Fegefeuer
â Zitate
Wiktionary: Fegefeuer
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
âą Katechese von Papst Johannes Paul II. ĂŒber Himmel, Hölle und Fegefeuer
âą Aktuelle Literatur zum Fegefeuer (private Webseite)
Einzelnachweise
cite-note-11. â Vgl. Theobald Freudenberger: Die Bologneser Konzilstheologen im Streit ĂŒber 1 Kor 3,11ff. als Schriftzeugnis fĂŒr die Fegfeuerlehre. In: Erwin Iserloh, Konrad Repgen (Hrsg.): Reformata reformanda. FS Hubert Jedin zum 17. Juni 1965. Erster Teil, MĂŒnster 1965, S. 577â609.
cite-note-22. â Joachim Gnilka: Ist 1 Kor 3,10â15 ein Schriftzeugnis fĂŒr das Fegfeuer? Eine exegetisch-historische Untersuchung, DĂŒsseldorf 1955, S. 115, hier zit. nach Gunther Wenz: Evangelische Gedanken zum Fegfeuer, 2016, S. 11.
cite-note-33. â Hans-Josef Klauck: 1. Korintherbrief, 2. Korintherbrief. St. Benno Verlag, Leipzig 1989 (= Lizenzausgabe des Kommentars Neue Echter Bibel), S. 36.
cite-note-44. â Ingo Broer: Fegfeuer II. Biblischer Befund. In: Walter Kasper (Hrsg.): Lexikon fĂŒr Theologie und Kirche. 3. Auflage. Band 3. Herder, Freiburg im Breisgau 1995, Sp. 1204.
cite-note-55. â Gregor der GroĂe: Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum, IV, 39 online.
cite-note-66. â Gregor der GroĂe: Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum, IV, 55 online.
cite-note-77. â Diarmaid MacCulloch: Die Reformation. 1490â1700. 1. Auflage. dtv, MĂŒnchen 2010, ISBN 978-3-423-34653-5, S. 35 (englisch: Reformation. Europeâs House Divided. 1490â1700. Ăbersetzt von Helke VoĂ-Becher, Klaus Binder und Bernd Leineweber).
cite-note-88. â Diarmaid MacCulloch: Die Reformation. 1490â1700. 1. Auflage. dtv, MĂŒnchen 2010, ISBN 978-3-423-34653-5, S. 38 (englisch: Reformation. Europeâs House Divided. 1490â1700. Ăbersetzt von Helke VoĂ-Becher, Klaus Binder und Bernd Leineweber).
cite-note-99. â Diarmaid MacCulloch: Die Reformation. 1490â1700. 1. Auflage. dtv, MĂŒnchen 2010, ISBN 978-3-423-34653-5, S. 38, 39 (englisch: Reformation. Europeâs House Divided. 1490â1700. Ăbersetzt von Helke VoĂ-Becher, Klaus Binder und Bernd Leineweber).
cite-note-dmc175-1010. â Diarmaid MacCulloch: Die Reformation. 1490â1700. 1. Auflage. dtv, MĂŒnchen 2010, ISBN 978-3-423-34653-5, S. 176 (englisch: Reformation. Europeâs House Divided. 1490â1700. Ăbersetzt von Helke VoĂ-Becher, Klaus Binder und Bernd Leineweber).
cite-note-1111. â Katechismus der Katholischen Kirche 1030, 1031
cite-note-erwachsenenkatechismus-s-424-1212. â Deutsche Bischofskonferenz (Hrsg.): Katholischer Erwachsenenkatechismus. Band 1: Das Glaubensbekenntnis der Kirche. (1985) Online, S. 424.
cite-note-1313. â Zur Wortgeschichte vgl. Meinolf Schumacher: SĂŒndenschmutz und Herzensreinheit. Studien zur Metaphorik der SĂŒnde in lateinischer und deutscher Literatur des Mittelalters. Fink, MĂŒnchen 1996, ISBN 3-7705-3127-2, S. 468â470 (Digitalisat).
cite-note-m-ller-s-548-1414. â Gerhard Ludwig MĂŒller: Katholische Dogmatik: fĂŒr Studium und Praxis der Theologie. 6. Auflage. Herder, Freiburg, Basel, Wien 2005, S. 548 f. (endgĂŒltige Ăberwindung der âtraditionellen Vorstellungen vom Aufenthaltsort der Seele in einem Zwischenzustandâ.).
cite-note-1515. â siehe Pemsel-Maier, Gisbert Greshake
cite-note-1616. â Romano Guardini: Die letzten Dinge. WĂŒrzburg 1952, S. 36â38.
cite-note-1717. â KKK 1030 ff: III Die abschlieĂende LĂ€uterung â das Purgatorium
cite-note-kkkk-1818. â Katechismus der Katholischen Kirche - Kompendium. Abgerufen am 21. Februar 2023.
cite-note-1919. â Joseph Ratzinger: Fegefeuer., aus: Ders.: Eschatologie â Tod und ewiges Leben (= Kleine Katholische Dogmatik 9), Regensburg 1977, S. 188, 189 f., in: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.): Der Glaube der Kirche. Ein theologisches Lesebuch aus Texten Joseph Ratzingers. Bonn, 2011 (Arbeitshilfen; Nr. 248), S. 54 f. Archivlink (Memento vom 29. Dezember 2012 im Internet Archive)
cite-note-2020. â Offizielle deutsche Ăbersetzung der Ansprache von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz vom 12. Januar 2011
cite-note-2121. â Joseph Ratzinger: Fegefeuer., aus: Ders.: Eschatologie â Tod und ewiges Leben (= Kleine Katholische Dogmatik 9), Regensburg 1977, S. 189 f., in: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.): Der Glaube der Kirche. Ein theologisches Lesebuch aus Texten Joseph Ratzingers. Bonn, 2011 (Arbeitshilfen; Nr. 248), S. 55 Archivlink (Memento vom 29. Dezember 2012 im Internet Archive)
cite-note-2222. â Vgl. etwa Gisbert Greshake (Hrsg.): Ungewisses Jenseits? Himmel â Hölle â Fegefeuer (= Schriften der Katholischen Akademie in Bayern. Band 121). Patmos Verlag, DĂŒsseldorf 1986.
cite-note-2323. â Weimarer Ausgabe 30/2, S. 367â390.
cite-note-2424. â Gunther Wenz: Evangelische Gedanken zum Fegfeuer, 2016, S. 20 f.
cite-note-2525. â Gunther Wenz: Evangelische Gedanken zum Fegfeuer, 2016, S. 22 f.
cite-note-karakurt-2626. â Deniz Karakurt: TĂŒrk Söylence SözlĂŒÄĂŒ, 2011, S. 266.
cite-note-2727. â Antonio Panaino: Religionen im antiken Iran. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 22â29, hier: S. 28 f.
cite-note-zh-2828. â About Zoroastrian Hell, Hell-On-Line, 2. MĂ€rz 2008.
cite-note-johannesbuch-a-2929. â Das Johannesbuch der MandĂ€er, hrsg. u. ĂŒbers. v. Mark Lidzbarski, 2. Teil, GieĂen 1915, S. 98â99.
cite-note-ginza-c-3030. â Ginza. Der Schatz oder das groĂe Buch der MandĂ€er, hrsg. u. ĂŒbers. v. Mark Lidzbarski, Quellen der Religionsgeschichte Bd. 13, Göttingen 1925, S. 203.
cite-note-rudolph-theogonie-3131. â Kurt Rudolph: Theogonie. Kosmogonie und Anthropogonie in den mandĂ€ischen Schriften. Eine literarkritische und traditionsgeschichtliche Untersuchung. Göttingen 1965, S. 241.